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Über die Angst vor Fremden und vor dem scharfen ß

Ängste begründen sich meist in Unwissenheit und Desinformation. Will man die Angst vor fremden Kulturen überwinden, beginnt man am besten bei der Auseinandersetzung mit der eigenen. Das scharfe s ist ein guter Anfang. Wie das Ø für die Skandinavier ist es eine unverwechselbare Marke unserer eigenen Kulturgeschichte und taugt durchaus als Identitätsstifter im deutschen Sprachraum. Schon seltsam, dass man damit so viele Schwierigkeiten hat. Seltsam, denn die Regeln um das ß sind denkbar einfach. Vielleicht hilft ein wenig Wissen, das ß etwas besser zu verstehen. Das weckt vielleicht auch das Interesse für das ø, ф, ç, š. Vielleicht freut man sich plötzlich, dass sich auf unseren Geldscheinen – etwas unscheinbar aber doch – das Wort ΕΥΡΩ findet.


Ligaturen

Eine Ligatur

Vorweg: Eine Ligatur ist ein Begriff der Typographie. Sie ist die Verschmelzung zweier Zeichen zu einer optischen Einheit. Ligaturen entstanden entweder durch schnelle, schlampige Schreibweise oft aufeinander folgender Buchstabenpaare oder zum optischen Zwischenraumausgleich im Schriftsatz, wenn es in den Oberlängen zweier Buchstaben zu unausgewogene Lücken oder unschöne Verbindungen käme. Das ß (gesprochen scharfes S oder Eszett) geht aus einer solchen Ligatur hervor.

 

ſ · ſs · ß

Das lange s "ſ" bildet den ersten Teil der ß-Ligatur und ist eine typographische Variante des Buchstabens s. Es kommt in den heute üblichen Antiqua-Schriften normalerweise nicht mehr vor war aber mehr als 1.500 Jahre lang Bestandteil aller romanischen ebenso wie der deutschen, englischen, niederländischen, westslawischen und den skandinavischen Schriftformen. Es kam in der Regel in An- oder Inlaut einer Silbe zum Einsatz. Im Fraktursatz war die Verwendung des ſ selbstverständlich, mit zunehmendem Antiqua-Satz, verlor es an Bedeutung und verschwand Anfang des 20. Jahrhunderts gänzlich aus unserem Alphabet. Einzig in der Ligatur mit dem runden s "s" oder auch mit dem alten, geschwungenen z ist es uns im Buchstaben ß erhalten geblieben.


Die ſs-Ligatur war bis ins 18. Jahrhundert auch in anderen Sprachen gebräuchlich, kommt heute aber nur mehr im deutschen Alphabet (nicht in der Schweiz und in Liechtenstein) und als einziges Zeichen ausschließlich als Kleinbuchstabe vor. Seit wenigen Jahren erst schreibt die amtliche Rechtschreibung als Versalienvariante zwingend ein SS vor. Trotzdem versuchen sich manche Schriftdesigner an einer Variante des großen ß für neue Zeichensätze. Folgende Anmerkung kann sich daher selbst der Duden nicht verkneifen: "[…] Allerdings darf mündigen Bürgerinnen und Bürgern im Einzelfall getrost die Entscheidung überlassen werden, ob sie das große Eszett etwa für die Schreibung ihres Namens nutzen oder nicht." Das lezte Wort scheint also immer noch nicht gesprochen. Das scharfe ß wird noch lange für Gesprächsstoff sorgen. Dazu eine passende Anmerkung von Doris Knecht in einer Kolumne im Kurier am 13. Februar 2008 anlässlich der bevorstehenden Fußball Europameisterschaft: "Apropos Massen: Das schweizer Beharren auf ein Leben ohne scharfes ß könnte, sollten während der EURO die Massen in Maßen trinken, auf eine harte Probe gestellt werden."